Über Sinn und Unsinn von Wahlprognosen

Neueste Geschichte hat uns gelehrt, dass der Ausgang der Wahl nicht ganz vorhersehbar ist und die Umfragen der seriösen Institute ziemlich genau daneben liegen. Zum Glück ist die Sonntagsfrage nicht die einzige Wahlprognose-Methodik. Ich habe mir vorgenommen, die existierenden Methodiken mal unter die Lupe zu nehmen und auch die Bezugsquellen der Prognosen zu nennen.

1. Telefonische Wahlumfragen (sgn. Sonntagsfrage)

Dies ist die traditionelle Methodik. Die Telefonumfragen werden von den etablierten Instituten, oft im Auftrag der Öffentlich-Rechtlichen regelmäßig durchgeführt.

Dabei werden 1000-5000 zufällig gewählte Telefonnummern angerufen und es wird die Sonntagsfrage gestellt: “Welche Partei würden Sie wählen wenn heute die Bundestagswahl wäre?”.

Die Methode benachteiligt Kleinparteien, die als Antwort nicht explizit genannt werden. Bei den Bundestagswahlen erzielen diese Parteien immer einen höheren Wert als in den Prognosen, weil der Wähler in einer ganz anderen psychologischen Situation ist, wenn er ein Wahlzettel vorfindet. Eine explizite Nennung einer Kleinpartei erhöht deren Chancen beträchtlich. Vielen uninformierten Wählern, oder auch Wechselwählern wird erst bei einer expliziten Nennung bewußt, dass diese oder jene Kleinpartei zur Wahl steht. Vor allem die Kleinparteien, wegen Ihres großen Mobilisierungsgrades, “leben” von den Nicht-Stammwählern. Ein Wähler wurde von Dimap angerufen und ihm wurde die Sonntagsfrage gestellt. Er antwortete: “Ich wähle natürlich die Piraten”. Darauf fragte die höfliche Dame: “Piraten? Wer ist das denn? Noch nie gehört!”

Mir ist es unbegreiflich, wieso die Institute, sobald die Landeslisten stehen, nicht alle zur Wahl stehenden Parteien am Telefon nennen. Dies würde die Qualität der Umfragen DEUTLICH erhöhen. Natürlich bliebe der große statistische Fehler bei den Kleinparteien, aber die Spalte “Sonstige” würde insgesamt doch deutlich genauer bestimmbar.

Im Bezug auf die Piratenpartei, deren Kernwählerschaft der Altersgruppe U30 zuzurechnen ist, gibt es eine andere Eigenheit. Ein gewisser Prozentsatz junger Menschen besitzt gar keinen Festnetztelefonanschluss. Nur Handy lautet die Devise. Diese Wählergruppe wird von den Telefonumfragen, die wegen der geographischen Zugehörigkeit, nur Festnetzanschlüsse anrufen, gar nicht erfasst. Die gewonnenen Daten lassen sich auch nicht hochrechnen, da das Wahlverhalten dieser Gruppe eben nicht erfasst wurde, also nicht bekannt ist.

Fazit: Die Sonntagsfrage unterschätzt immer Parteien, die bei der letzten Bundestagswahl die 5%-Hürde nicht erreichten. Piratenpartei wird zusätzlich durch deren spezifischen Sympathisantenprofil unterschätzt. Nichtsdestoweniger zeigen die neuesten Umfragen in Berlin Piraten bei 3%.

Eine gute Quelle mit den aktuellen Sonntagsfragen aller Prognoseinstitute, auch für die einzelnen Länder, ist die Seite von Wahlrecht.de.

2. Online-Umfragen

Einige große Zeitungen mit Online-Präsenzen sowie fast alle soziallen Netzwerke veranstalten Online-Umfragen.

Neben den wie bei Sonntagsfrage Ungenauigkeiten in der Spalte “Sonstige” aufgrund der nichtexpliziten Nennung der Kleinparteien, haben diese Umfragen zwei weitere, entscheidende Schwächen, die diese Prognose-Methodik praktisch disqualifizieren:

  • Technische Manipulierbarkeit: eine Mehrfach-Abstimmung kann nicht ausgeschlossen werden, Cookies können gelöscht werden, IP-Adresse kann durch erneute Einwahl geändert werden, schließlich ganze Botnetze können bei ausreichender Motivation binnen kürzester Zeit tausende von zählbaren Stimmen abgeben
  • Marketingtechnische Manipulierbarkeit: Eine große virale Aktion mit Tausenden Links und Tweets zur Umfrage kann dazu führen, dass eine kleine Gruppe zu 100% in der Umfrage repräsentiert wird, während eine deutlich größere Gruppe von der Umfrage keine Kenntnis hat und in der Umfrage vielleicht zu 0,1% repräsentiert wird. Das liegt an der Methodik: Bei der Telefonumfrage wird der Wähler angerufen (push), hier findet der Wähler selber zur Umfrage (pull). Im ersten Falle ist es Zufall als Garant der Repräsentativität, im zweiten ist es der Wille des Wählers und der Leute in seiner Umgebung, die ihn auf eine Umfrage aufmerksam machen können.
  • Nicht-Repräsentative Stichprobe: Internet ist ein spezifisches Medium. Große, in der Bundestagswahl sehr relevante Bevölkerungsschichten (Frauen über 60) sind im Internet kaum vertreten. Dazu kommt, dass die Nutzungsintensität und die Bereitschaft bei einer Umfrage mitzumachen bei jüngeren Menschen besonders stark ist.

Fazit: Die zwei ersteren methodischen Schwächen favorisieren kleinere Parteien, deren Mobilisierungsgrad deutlich stärker als bei den Großen ist. Die dritte favorisiert besonders technikaffine Parteien oder Parteien mit einer jungen Wählerschaft.

Im Bezug auf die Piratenpartei heißt es, dass diese Partei bei Online-Umfragen extrem gut abschneidet und von diesen deutlich überschätzt wird. Beispiel sind die seit Wochen regelmäßig bei Xing erzielten über 75& oder die über 30% bei StudiVZ.

Hier Links zu den Wahlportalen der größten sozialen Netzwerke:

  1. Xing
  2. StudiVZ

3. Wahlbörsen, Wetten auf Wahlergebnisse

Ausländische Buchmacher veranstalten Wetten auf die Ergebnisse der deutschen Wahl. Sicherlich auch viele Deutsche, obwohl illegal, nehmen daran teil. Die Geldwetten haben sich als eine sehr genaue Prognose-Methode bei Bestimmung der politischen und sozialen Ereignisse herausgestellt, denn der “Wert” wird unter vielen Teilnehmer ermittelt und wenn es ums Geld geht, da spielen Sentiment und die “politische Heimat” keine so große Rolle mehr, da schätzt man die Realität viel nüchterner, viel weniger emotional ein.

Einen ähnlichen Weg gehen die sog. Wahlbörsen. Dort werden die Wahlergebnisse wie Aktien gehandelt. Genau wie im Fall der Geldwetten wird der Wert unter vielen Teilnehmern ermittelt und genau wie oben reagieren die Teilnehmer sehr rational und nüchtern, je nach dem ob Geld im Spiel ist. Leider sind mir in Deutschland nur Wahlbörsen mit Spielgeld bekannt, was deren Aussagekraft deutlich schmälert.

Interessant ist, dass die Teilnehmer nicht repräsentativ für die Gesellschaft sein müssen, um gute Prognosen zu erreichen. Das erklärt Wikipedia.

Fazit: Ich sehe keine Schwächen dieser Methodik. Der einzige Nachteil: Alle Geldwetten und Wahlbörsen mit Geldeinsatz sitzen im Ausland führen höchstens die Bundestagsparteien auf.

Und hier die Quellen:

4. Andere Methoden

Einen anderen Weg geht seit wenigen Tagen Google Trends “Was Deutschland interessiert”. Über diesen Dienst habe ich gestern berichtet. Google untersucht Häufigkeiten in den Suchanfragen zu den einzelnen Parteien. Wie immer steckt der Teufel im Details, so ist die Schreibweise von CDU (relativ eindeutig), bei SPD können auch Shimano-Fahrradpedale gemeint sein, bei Grünen gibt es gleich mehrere Schreibweisen, und hier, wie bei der Linken kann grün oder links nicht unbedingt die Partei bedeuten. Trotzdem traue ich Google zu das entsprechend hoch/oder runterzurechnen.

Fazit: Ohne genaue Kenntnis, des wie immer geheimen Algorithmus läßt sich wenig über die Aussagekraft dieser Methodik sagen. Eins ist sicher: Interesse heißt nicht unbedingt Unterstützung. So dürften die Suchmaschinennutzer bei der Spendenaffäre der CDU verstärkt nach dem Stichwort CDU gesucht haben, obwohl deren Unterstützung ganz sicher zurückgegangen ist. Auf der anderen Seite durch die schiere Masse der Anfragen ist diese Methode sehr robust und kaum manipulierbar. Trotzdem bleibt die Schwäche der eingeschränkten Repräsentativität des Mediums Internets an der Methode haften.

Im Bezug auf die Piratenpartei liefert die Methode recht gute Prognosewerte für die Wählergruppe der Internetnutzer. Wegen der großen Internetaffinität dieser Partei sind diese Werte eher überschätzt im Bezug auf die ganze Bevölkerung. So ist derzeit im Schnitt der letzten 3 Monate die Piratenpartei auf Platz 4 vor den Grünen und der Linken. Die normierten Suchanfragen in Prozentanteile umgerechnet ergeben 13,8% für die Piratenpartei.

Wert Anteil an Summe
CDU 39,7 28,0%
Piraten 19,5 13,8%
SPD 38,7 27,3%
FDP 21,8 15,4%
Linke 14,3 10,1%
Grüne 7,8 5,5%
Summe 141,8

Schlussfazit:

Jede Methodik hat ihre Stärken und Schwächen.

Die traditionellen Telefonumfragen die von Massenmedien verwendet werden, haben eine konservierende Wirkung, d.h. führen dazu, dass neue Parteien mit einem Huhn-Und-Ei Dilemma zu kämpfen haben: Weil sie klein sind, werden sie in den Umfragen nicht genannt, das führt dazu dass sie schlecht in den Umfragen abschneiden. Das wiederum führt dazu, dass sie in den Ergebnissen gar nicht auftauchen (Spalte Sonstige) und einfach aus dem Bewusstsein des Wählers ausgeblendet werden. Der Wähler sieht keine Chance für die Partei über die 5% zu kommen und wählt oft statt seiner Partei das kleinste Übel unter den in den Statistiken auftauchenden Bundestagsparteien. Das führt dazu, dass seine Partei bei der Wahl schlecht abschneidet und der Teufelskreis fängt von vorne an. Das führt dazu, dass sogar solche riesige Bewegung wie die Grünen Jahrzehnte gebraucht hat, um in den Bundestag einzuziehen. Es bleibt abzuwarten, ob dieses Kunststück der Piratenpartei gelingt.

Die beste Methodik scheinen die politischen Geldwetten zu sein.

Ich schätze nach der obigen Analyse das Wahlergebnis der Piratenpartei derzeit zwischen 2-3% ein, eher näher an 3%. Es bleibt also der letzte Tick, um über die 5%-Schranke zu hüpfen. Aber bei der derzeitigen Entwicklung dieser Partei scheint nichts mehr unmöglich.

Wenn euch andere, mir nicht bekannte Prognose-Methodiken oder auch Quellen für Prognosen bekannt sind, so bitte ich um Informationen.

Kommentare sind wie immer gern gesehen.

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Posted on 10. September 2009, in Piratenpartei, Prognosen, Wahlen and tagged , , , , , , . Bookmark the permalink. 12 Kommentare.

  1. Mal ganz im Ernst:

    Wir Piraten duerfen uns nicht von ‘offline’-Umfragen muerbe machen lassen. Nicht nur, dass Wahlumfragen in der juengsten Vergangenheit fatal versagt haben: Die Piratenpartei ist hinsichtlich ihrer Dynamik (Mitgliederwachstum, Vernetzheit der Mitglieder, Engagement der Mitglieder) ein Phaenomen, welches in der Geschichte der BRD einzigartig ist. Wir sind die erste Generation, die den Willen _und_ die Moeglichkeiten hat, den ganzen ueberkommenden verstaubten Laden ‘Bundestag’ vollstaendig aufzumischen. CXU und FDP poltern noch gegen uns, weil sie sooo verkrustet sind, dass sie vermutlich denken wir waeren soetwas wie die APPD oder Horst Schlemmer, naemlich ein Witz am Rande. Die strukturell juengeren/intelligenteren Parteien (Gruene und Teile der SPD) haben den Braten aber schon gerochen: Man schaue sich an, wie die Gruenen ploetzlich die Piratenthemen fuer sich entdeckt haben. Ich behaupte die CXU ist nicht reformierbar. Wir sind die erste Partei mit echter basisdemokratischer Organisation und Mitbestimmung. E-Government wird fuer uns der Normalfall sein. Unser Herangehen an den Aufbau einen Staates verlaeuft analog zur Konstruktion eines technischen Systems unter den Randbedingungen Zeit, Qualitaet und Kosten. Die soziale Gerechtigkeit liegt in unseren Herzen und wird sich schon bald in unserem Grundsatzprogramm manifestieren.
    In 10 Jahren werden Piraten europaweit die Regierungen stellen und Freiheit, Gleichheit, Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Transparenz werden nicht mehr bloss hohle Worthuelsen aus den Muendern alter Maenner mit Kugelschreibern sein! :-D
    Koepfe hoch! Wir muessen uns nicht verstecken!

  2. Ich hab jetzt nur Abschnitt 1 angelesen

    Das Telefonbuch nehmen und einfach die Leute anrufen ist verboten?
    Als Firma darf man das nicht, das ist dann TelefonSpam

    Das da die Mitarbeiter(inen) vom CallCenter neben den etablierten die Anderen nicht kennen, ist wirklich schon traurig …. machen quasie einen Job von dem sie keine Ahnung haben.
    Wenn sich so ein “Sonntagsfrage”-Anruf zu mir verirrt, dann wandle ich das zu einem Aufklärungsanruf.

  3. “Mir ist es unbegreiflich, wieso die Institute, sobald die Landeslisten stehen, nicht alle zur Wahl stehenden Parteien am Telefon nennen.”

    Erstens kostet dass Zeit und somit Geld.
    Zweitens sind die großen Wahlforschungsintitute (so habe ich zumindest schon öfters gehört) oft einer der Volksparteien “näher” (wie und warum auch immer) und haben somit kein Interesse daran kleinen Parteien eine faire Chance zu geben.

    “In 10 Jahren werden Piraten europaweit die Regierungen stellen…” – Das wohl nicht. Ist glaub ich auch nicht das Ziel.

  4. Eigentlich werden bei Telefonumfragen bei der Sonntagfrage gar keine Parteien vorgegeben. Nur wenn keine Antwort kommt, werden Vorschläge unterbreitet. Das wäre zumindest die korrekte Vorgehensweise.
    Die Tatsache, dass Die Telefoninhaber nicht repräsentativ sind, kann man prinzipiell korrigieren, weswegen selten die Rohdaten veröffentlicht werden, sondern eben Prognosen. Die genaue Berechnung der Prognose ist natürlich Geheimnis des jeweiligen Instituts. Allerdings verlassen sich die Umrechnungen auf die Ergebnisse der letzten Wahl, was bei Entwicklungen wie bei der Piratenpartei natürlich fehlschlagen muss.

    • Ja, sie werden nicht vorgegeben. Nur die Frage wird derzeit gestellt.
      Thema Telefon: “Die gewonnenen Daten lassen sich auch nicht hochrechnen, da das Wahlverhalten dieser Gruppe eben nicht erfasst wurde, also nicht bekannt ist.”

  5. Noch was zum Thema Telefonumfragen:

    Nicht nur, dass junge Leute immer seltener Festnetznummern haben, immer mehr beantworten auch keine Anrufe von unterdrückten oder unbekannten Nummern. Manche programmieren ihre Telefonanlage sogar so um, dass nur Anrufe von Bekannten durchkommen. Umfragen ausgesperrt!

  6. Das sehe ich auch so!
    Im Moment versuchen die alten Parteien mit holen Phrasen die Erstwähler zu locken und einige werden sicherlich auf deren Tricks reinfallen.
    Auch kenne ich Leute die es nicht für wahr haben wollen, dass die CDU und CSU unser Land mehr und mehr zu einem Bürgerrechtsfreienraum umbauen wollen und die PP als “Witz” abstempeln.
    Auch interessant ist wie die CSU wieder versuchen will ein Verbotsantrag für die NPD durchzupeitschen, wobei sich die CSU gleich selbst mit verbieten müsste.
    Ich habe genug von Lügen,Wahlbetrug,Volksverrat von den großen Parteien,Abschaffung der Bürgerrechte unter den Deckmänteln “Terrorabwehr” und “Jugendschutz”.

    Interessant dazu: Nach dem AMoklauf von Winnenden hieß es: Tim K. war nicht Mobbing ausgesetzt.
    Nun packte eine seiner Hilfslehrerinnen aus und sagte: Tim K. wurde schwer gemobbt, vorallem von Mädchen.
    Nun CDU, die Wahrheit könnt ihr nicht für immer verstecken.
    Egal welches Thema es ist, die Wahrheit kommt irgendwann immer raus, so wie jetzt mit Gorleben.

  7. Wenn man irgendwie ne gefälschte statistik in der die Piraten 6% hat unters Volk bringen kann, würde das psychologisch sicher einige Stimmen bringen. Es geht hier sozusagen um selbsterfüllende Prophezeiungen bei den Prognosen!

  8. Bei den klassischen Wahlumfragen treten noch gravierendere Probleme als nur die prinzipiell per Telefon nicht erreichbaren Wähler auf oder dass nicht alle Parteien zur Auswahl vorgegeben werden. Z.B. ist die übliche Stichprobe von 1000 Personen viel zu klein im Vergleich zur Grundgesamtheit aller Wahlberechtigten. Außerdem werden als Prognosen nicht die Umfrageergebnisse veröffentlicht, sondern diese zuvor angepasst (z.T. um etliche Prozentpunkte).

    eine gute Zusammenstellung (wenn auch teils polemisch) findet man unter:
    http://www.wahlprognosen-info.de/index2.htm?/inhalt.htm

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