Der Deutsche Zensurpreis geht an Stefan Raab
Stefan Raab veranstaltet am Vorabend der Wahl die Sendung „TV Total Bundestagswahl 2009″, in der die Zuschauer für die eingeladenen Parteien per SMS abstimmen können.
„Am Ende steht der nicht ganz repräsentative „TV total Bundestag“ als wichtiges und direktes Stimmungsbarometer der jungen Menschen in Deutschland fest.“, so Text der Ausschreibung.
Die Sendung wurde 2005 von 29% der Deutschen in der Altersgruppe U30 geschaut.
Aber: Während der Sendung können die Zuschauer nur für die 6 Parteien CDU/CSU, SPD, FDP, die Grünen und die Linke ihre Stimme abgeben, Stimmabgabe für eine andere der 23 zur Bundestagswahl zugelassenen Parteien oder allgemein für „Sonstige“ ist nicht möglich.
Die größte bisher unter jungen Menschen durchgeführte Umfrage mit 1,2 Mio Befragten zeigt einen Anteil von 26,6% Stimmen für Parteien außerhalb dieser 6 Parteien. Auch die Jugendwahl 2009 ergab 22,3% für die „kleinen Parteien“. Es werden also Stimmen von 1/4 der Zuschauern, durch das Stimmverfahrenvon ProSieben wegzensiert.
Das ist bereits schon im Vorfeld der Wahlsendung in den täglichen TV Total Sendungen passiert. An Studio-Zuschauer wurden vor jeder Sendung folgende Wahlzettel ausgeteilt:
Auffallend ist, dass sowohl andere Parteien außer den “großen Sechs”, sowie die Option “Sonstige” gänzlich auf dem Wahlzettel fehlt. Es ist für einen Zuschauer unmöglich, eine Stimme abzugeben, die nicht den “großen Sechs” gilt. Da braucht es nicht zu wundern, dass im Ergebnis das Wahl-O-Meter 100% der Stimmen für diese 6 Parteien anzeigt und den Zuschauern eine wegzensierte Realität vorgaukelt. In einer Sendung haben 2%-3% der Studio-Zuschauer nachweislich ihre Stimme für eine andere zur Wahl am 27.9. 2009 zugelassene Partei abgegeben, das Wahl-O-Meter zeigte trotzdem 100% für die “großen Sechs”.
Besorgte Journalisten in der Pressekonferenz zur Sendung hat Raab mit folgenden Worten beruhigen wollen:
Wir haben einen Koeffizienten errechnet mit dem wir unser Ergebnis, das natürlich demoskopisch nicht die Breite der Gesellschaft widerspiegelt, auf das potentielle Bundestagswahlergebnis umrechnen können.
Heißt das: Wir wissen was rauskommen soll, und deswegen wird das Ergebnis dem Soll angepasst?
Der Vergleich des Wahl-O-Meters (links) mit der Sonntagsfrage (rechts), die vor annährend gleichen Publikum von StudiVZ/MeinVZ durchgeführ wird, zeigt sehr anschaulich den Effekt der Zensurbestrebungen von TV Total:
Bei TV Total fehlen zwei gewichtige Balken: die dominierende Piratenpartei und die Sonstigen.
Ca. 25% der Zuschauer haben in der Sendung TV Total Bundestagswahl keine Möglichkeit, ihren politischen Willen zum Ausdruck zu bringen. ProSieben schließt damit große Teile ihrer Zielgruppe von der Wahl aus.
Im Vergleich dazu Text der Ausschreibung:
Als erfolgreichster TV-Sender der jungen Mediengeneration will ProSieben genau diese Altersgruppe motivieren, von ihrem Wahlrecht als wichtigstem Instrument der Demokratie Gebrauch zu machen.
DWDL, ein Brachendienst der deutschen Medienwirtschaft, unterstreicht:
Bei den knappen Wahlergebnissen heutzutage könne eine Sendung wie die “TV Total Bundestagswahl” daher durchaus Einfluss haben auf das Wahlergebnis am Sonntag.
In der Pressemitteilung vom 24.9.2009 stellt Limburg den Anspruch der Sendung klar:
Die Spitzenpolitiker haben bei uns die Möglichkeit, eine jüngere Zielgruppe zu erreichen. Die anschließende Telefonabstimmung ist zwar nicht wissenschaftlich repräsentativ, aber es ist die größte politische Umfrage in Deutschland. Für mich ist entscheidend, dass man Jungwähler damit ansprechen und mobilisieren kann.
Wegen der Medienmacht von ProSiebenSat1 AG (zu der außer ProSieben und Sat1 auch Kabel1, 9Live und N24 gehören), der sehr hohen Zuschauerquote dieser Sendung und der Tatsache, dass sie am Vorabend der Bundestagswahl stattfindet, stellt sich die Frage, ob der Sender hierbei unzulässig in das Stimmverhalten der Wähler eingreift, denn 23 Parteien werden aus „Stimmungsbarometer“ vollkommen ausgeblendet.
Piratig.de verleiht der Sendung TV Total Bundestagswahl 2009 und Stefan Raab als Produzenten den Deutschen Zensurpreis 2009 in der Kategorie TV-Zensur für die am besten abgesicherte, effektivste Zensurmaßnahme im Jahr 2009, mit dem potenziell größten Einfluss auf die politische Zukunft der Bundesrepublik Deutschland.
Ich gratuliere dem Gewinner und lade ihn, wie gewohnt, zu einem Interview ein.
Hier geht’s weiter: Ein schöner Tag für Stefan Raab
Update: In der Zwischenzeit berichten Stuttgarter Nachrichten über dieses Thema.
Update2: Auch Bild.de führt heute eine Raab’sche Last-Minute-Wahlabstimmung durch.
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